Aktuelle Programmschienen 2020

Hier finden Sie das aktuelle Programm 2020 mit den Frühlings-Schwerpunkten CHINA und BALKAN. Schauen Sie vorbei, am Gaußplatz 11 - wir würden uns freuen!


BALKAN – EINE REGION AUS DEM GLEICHGEWICHT

Mit dem Zerfall und der Zerstörung des ehemaligen Jugoslawien ging eine Reihe von Kriegen und Tragödien einher. Ein sozial und national aus dem Gleichgewicht geratener, total zerstörter Balkan war das Ergebnis. Propaganda von allen Seiten führte zur totalen Verunsicherung in der kritischen Öffentlichkeit im Westen. Mittlerweile sind 20 Jahre vergangen – und dennoch sind für viele Menschen die Konflikte am Balkan nach wie vor schwer verständlich und nachvollziehbar. Dies möchten wir zum Anlass nehmen, die konfliktreiche, ethnisch-vielfältige, emotional aufgeladene, instabile und faszinierende südosteuropäische Region aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Wir haben KünstlerInnen, ExpertInnen und Betroffene eingeladen, ihre Auseinandersetzungen mit dem Balkan, mit Ex-Jugoslawien und dem Ex-Kommunismus mit uns zu teilen.

Im politischen Diskurs über die Konflikte in den Ländern der Balkanregion fällt die Absenz von politischen Begriffen wie Versöhnung, Befriedung, Ausgleich, Sühne, Arrangement, Mäßigung oder Kompromiss auf. Vor etwa zehn Jahren waren Menschen und Menschenrechtsgruppen noch zuversichtlich, dass Versöhnungsprozesse eingeleitet werden können. Diese Initiativen verliefen leider im Sand, weil es nicht gelungen ist, Friedens- und Demokratisierungsprozesse gemeinsam anzusetzen, so wie es in den Kriegsjahren auch auf allen Seiten zu einer Aushebelung der Demokratie durch nationalistische Politik kam. Das Zuversichtlichste, was man zu den Balkan-Verwerfungen sagen könnte, ist, dass die Stimmungen der Völker immer geschwankt haben, oft innerhalb kurzer Zeit. Wesentliche Voraussetzungen hierfür waren u.a. Souveränität sowie ökonomische Angleichung aller Gesellschaften und Regionen, um quasi Kontakte in Augenhöhe zu ermöglichen. Im Nord-Südgefälle Ex-Jugoslawiens gibt es aktuell nichts, was Hoffnung für diesen Ausgleich brächte. Im Gegenteil, die Situation ist weiter sehr aufgeheizt, wie die Diskussionen rund um den Handke-Nobelpreis gezeigt haben, und manche Akteure in dieser Region scheinen eine Neuauflage des Krieges vorzubereiten.

Freilich stellt sich die Lage am Balkan komplizierter dar als in anderen Konflikten. Der Staat Jugoslawien ging im 19. Jahrhundert aus einer Vielzahl rechtlich, kulturell und sozialökonomisch extrem disparater Regionen hervor. Die Gebiete, die den ersten jugoslawischen Staat bildeten, unterschieden sich jedoch nicht nur hinsichtlich ihrer politisch-ökonomischen Charakteristik – unklar war auch von Anfang an, nach welchem Proporz die Völker des neuen Staatengebildes sich die Macht untereinander teilen sollten. Mit der Einführung einer zentralistischen Verfassung 1921 sicherten sich die serbischen Eliten eine gewisse Vorrangstellung innerhalb des Staates. Wie sehr diese Zerrissenheit den Interessen des Westens und den globalen Mächten entsprach und was der Westen tat (und tut?), um die Zerrissenheit zu bewahren, ist ein Thema, das nach Aufarbeitung schreit.

In den 1990er und 2000er Jahren gab es einen „Balkan-Boom“ in Wien. Im Zentrum der Interessen der balkanaffinen Teilöffentlichkeiten, die sich den «Balkan in Wien» aneigneten, stand das traditionelle Liedgut aus Jugoslawien, das von Arrangeuren aus der Wiener Weltmusikszene «urbanisiert» und verwestlicht wurde. Diese Art von Inszenierung der Balkan-Musik trennte jedoch die „Jugomusik“-Fans von den realen migrantischen AkteurInnen, die auf andere Weise ihre Selbsturbanisierung vorantrieben – mit Musik, die wenig mit dem zu tun hatte, was in Wien als balkan-«authentisch» abgefeiert wurde. Als Musik- und Festveranstalter hat sich in den 1990ern auch der Aktionsradius – ebenfalls halb bewusst, halb unbewusst – eines romantisierenden Balkan-Bildes bedient, weil das im Trend lag und sich gut „verkaufen“ ließ.

Das Monatsthema «Balkan» im März 2020 wirft den Blick auf unterschiedliche Regionen und Themen Ex-Jugoslawiens und erlaubt dem Aktionsradius, das Bild zurecht zu rücken und zu einer realistischeren Perspektive auf eine rätselhafte Region zu kommen, die so «abgelegen» ist, dass man sie vom Gaußplatz aus in zweieinhalb Stunden erreichen kann...


    

BLICK AUF CHINA - Wirtschaft, Politik, Architektur und Kunst

Im Jänner und Februar 2020 laden wir Sie auf eine Reise durch China ein - ein Thema, das durch den Aufstieg Chinas zur neuen Weltmacht von großem Interesse und aus unterschiedlichen Perpektiven zu beleuchten ist.

Wir verzichten auf gängige Klischees vom «exotischen Reich der Mitte», weil das Bild der «rätselhaften» Macht nicht mehr stimmt, seit die Selbstdarstellungen und die Fremddarstellungen den internationalen Buchmarkt überschwemmen. Was stimmt, ist, dass es schwer ist, diese Analysen und Spekulationen zu synthetisieren: zu sehr widersprechen sich die vorliegenden Forschungs- und Recherche-Resultate und die Methoden, wie man das große Land in den Griff bekommt.

China repräsentiert nicht nur im Vergleich zum kapitalistischen Westen das «ganz Andere»; die Entwicklung der chinesischen Revolution kontrastiert auch – was weniger analysiert ist – das russische Experiment, mit dem sie die Ideologie und den Willen zum Sturz der alten Gesellschaft teilte. Die Volksrepublik China ist beim Eintritt in ihr siebtes Jahrzehnt ein Motor der Weltwirtschaft, der größte Exporteur in die EU, nach Japan und in die USA, der größte Inhaber von Fremdwährungsreserven des Planeten. Seit einem Vierteljahrhundert verzeichnet sie für die größte Bevölkerung der Welt die raschesten Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens, die je registriert wurden. Ihre großen Städte sind in ihrem kommerziellen und architektonischen Ehrgeiz konkurrenzlos, ihre Waren werden überall verkauft, ihre Manager umkreisen den Globus auf der Suche nach noch mehr «China» auf der Welt. Umworben von seinen einstigen Gegnern wie von seinen Freunden ist das Reich der Mitte zum ersten Mal in seiner Geschichte eine wirkliche Weltmacht, weil deren Präsenz auf allen Kontinenten spürbar ist, während der amerikanische Imperialismus Afrika weitgehend abgeschrieben hat. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet hat der Kommunismus nicht nur überlebt, er ist zur exemplarischen Erfolgsgeschichte der Epoche geworden. Wenn es denn ein Kommunismus ist (und nicht ein „kommunistischer Kapitalismus“). Darüber zu streiten, ziemt sich auch für ZeitgenossInnen, die den -ismen keine Gestaltungskraft mehr zubilligen.

Das heutige China ist auch vor dem Hintergrund der europäischen Demokratiegrundsätze zu beleuchten. In diesem Sinne dürfen fragwürdige Aspekte der chinesischen Entwicklung nicht ausgeklammert werden, etwa das hohe Maß der Kontrolle der Bevölkerung durch den Staat verbunden mit Sanktionen für kritische Stimmen (Datensammel-/Punktebewertungssystem für BürgerInnen und Unternehmen), die zunehmenden sozialen Klüfte in der Gesellschaft oder der Umgang mit Minderheiten (z.B. Uiguren).

Der Aktionsradius Wien versucht in sieben Veranstaltungen, die häufigsten Missverständnisse zu thematisieren und den Blick auf China möglichst weit zu fassen, u.a. mit folgenden Vortragsthemen: Einblicke in die chinesische Wirtschaft und Politik; Vergleiche zu System und Entwicklungslogik des chinesischen Wegs („Beijing Consensus“) im Gegensatz zur westlichen Variante („Washington Consensus“); soziale Bewegungen, Proteste und Arbeitskämpfe aber auch „best practise“ Beispiele aus dem Bereich Architektur bzw. Belebung ländlicher Räume.
Den Auftakt macht eine kulinarische Entdeckungsreise zu Chinesisch-Neujahr; Ausstellung, Film- und Buchpräsentation präsentieren die chinesische Community sowie Künstlerszene in Wien und im Weltmuseum gibt es eine Spezialführung zur Veränderung des westlichen Blicks auf China an der Schwelle zum 19. Jhdt. Wir hoffen es gelingt, ein vielfältiges und möglichst realistisches China-Bild zu schaffen …

Hier können Sie den Flyer "Blick auf China" abrufen.